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Risikoeinschätzung - Wie gefährlich ist das Gefährliche wirklich?


Eine gefährliche Situation?

Bei der subjektiven Beurteilung und Einschätzung von Risiken spielen die objektiven Risikoverhältnisse - also die Eintrittswahrscheinlichkeit eines unerwünschten Ereignisses (z.B. Unfall) und die Schadenshöhe (Verletzung, Tod) - oft nur eine untergeordnete Rolle. Ob ein Risiko als hoch oder niedrig eingeschätzt wird, ob man es akzeptiert oder sich dagegen auflehnt, hängt nicht nur von objektiven Zahlen und Fakten ab, sondern auch sehr stark von Glauben, Ängsten und Wünschen. Als wichtig für die Risikobeurteilung haben sich erwiesen (in Anlehnung an Jungermann/Slovic (1)):

 

a) Die Auffälligkeit oder mentale Verfügbarkeit des Ereignisses
Die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses wird für umso größer gehalten, je besser ein ähnliches Ereignis vorgestellt oder erinnert werden kann. Beispiel: Kurz nachdem Autofahrer eine Unfallstelle passiert haben, fahren sie für eine gewisse Zeit langsamer.

 

b) Darstellungsweise der Folgen
Die Risikobeurteilung fällt anders aus, wenn die möglichen Folgen des Ereignisses als Gewinne (z.B. Überlebenswahrscheinlichkeit) oder Verluste (z.B. Sterbewahrscheinlichkeit) dargestellt werden.

 

c) Katastrophenpotenzial
Das Risiko einer Technik bzw. einer Tätigkeit wird dann höher eingeschätzt, wenn sie das Potenzial zur Verursachung von Unfällen mit vielen Verletzten bzw. Todesfällen hat. Treten Todesfälle hingegen einzeln auf, wird das Risiko für niedriger gehalten. Beispiel: Im Durchschnitt kamen 2010 pro Tag 10 Menschen im Straßenverkehr in Deutschland ums Leben. Die tödlichen Unfälle werden dabei kaum zur Kenntnis genommen. Kommen bei einem Unfall (z.B. Massenkarambolage im Nebel) viele Menschen ums Leben, wird breit über das Ergebnis berichtet.

 

d) Persönliche Betroffenheit
Risiken, von denen man selbst betroffen ist, werden höher eingeschätzt.

 

e) Freiwilligkeit
Freiwillig eingegangene Risiken werden weniger kritisch gesehen und eher akzeptiert als solche Risiken, denen man unfreiwillig ausgesetzt ist.

 

f) Kontrollierbarkeit
Ist man der Überzeugung, einen persönlichen Einfluss auf die Höhe des Risikos zu haben, (z.B. beim Autofahren, beim Bergsteigen), dann hält man sich für weniger gefährdet. Demgegenüber werden solche Aktivitäten und Systeme, denen man sich ausgeliefert fühlt (z.B. Industrieanlagen in der Wohnumgebung, Pestizide in Lebensmitteln usw.) für riskanter und weniger akzeptabel gehalten.

 

g) Verantwortlichkeit
Risiken werden stärker gewichtet, wenn ein Verursacher wahrgenommen wird. Auch für das Verhalten des Einzelnen ist die Verantwortlichkeit für die Handlungsfolgen von Bedeutung. Man neigt dazu, Handlungen zu vermeiden, für deren negative Folgen man in den Augen der anderen verantwortlich ist, auch wenn das Risiko des Nicht-Handelns für die anderen objektiv größer ist.

 

h) Signalpotenzial
Unfälle und Schadensereignisse können unterschiedlich starke Signalwirkung haben. Vor allem wenn es sich um Schadensfälle in relativ neuen und unvertrauten Technologien handelt (z.B. Gentechnologie, Chemieproduktion), ist die Signalwirkung hoch. Demgegenüber haben Unfälle in altbekannten, jedermann mehr oder weniger vertrauten Techniken kaum eine solche Signalwirkung (z.B. Zugunglück, Unfälle eines Tanklastzuges).

 

(aus: Geiler, M.: Risiko und Risikoverhalten, in: Jugend & Verkehr. Projekte für die Sekundarstufe II., Hrsg. von der Deutschen Verkehrswacht, Meckenheim 1998, Heft 5, S. 25)

 

1) Jungermann, H./Slovic, P.: Charakteristika individueller Risikowahrnehmung, in: Bayerische Rück (Hrsg.): Risiko ist ein Konstrukt. Wahrnehmungen zur Risikowahrnehmungen, München 1993

 


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